Trail-Running mit vielen landschaftlichen Schönheiten
Silvia und ich nahmen die Insel Korsika sportlich unter die Füße.....
Schon
seit gut einer Stunde geht es steil bergauf. Nur noch ein paar hundert Meter,
dann habe ich es geschafft. Ich muss jetzt stehen bleiben. Mein Puls ist auf
180 und mir bleibt die Luft weg. Neeeiiin, nicht wegen der Anstrengung, sondern
wegen des traumhaften Panoramas. Noch schnell zwei Fotos machen, tief durchatmen
und kurz den Moment genießen, dann treibt mich auch schon meine unstillbare
Neugierde weiter, weiter nach mehrerer solcher schöner Eindrücke.
Noch knapp eine Stunde werde ich bei dieser schweren Bergetappe laufend, springend
und kletternd unterwegs sein.... Doch jetzt alles der Reihe nach.
Zweifellos zählt das Corsica Coast Race mit zu den schönsten Etappenrennen Europas. Über 180 Kilometer werden überwiegend auf Trails (Pfade) entlang der korsischen Küste zurückgelegt. Die Walker haben eine Distanz von insgesamt 100 Kilometernauf dem Programm stehen. Vom nördlichsten Zipfel, dem Cap Corse, zur Südspitze bei Bonifacio führt die Route in sechs Etappen an der Westküste Korsikas hinunter. Wir passieren einsame Buchten, bekommen die alpine Wildnis hautnah zu spüren und durchlaufen malerische Landschaften - Regionen, die mit dem Auto nicht zu erreichen sind. Das Höhenprofil gleicht einem Lauf in den Alpen: rund 8500 Höhenmeter (ca. 4150 positiv und 4350 negativ) müssen bewältigt werden.
Über 37 Trail-Runner
und vier Walker wagen die Herausforderung auf der "Insel der Schönheit",
wie auch Korsika genannt wird. Und gleich vorneweg. Nicht alle werden sich am
Schluss im "Classement général" wiederfinden.
Gleich
lässt der Korse Marc Lanfranchi - er hat den Lauf 2004 ins Leben gerufen
- die Pistole knallen. Der Läuferpulk rennt los wie bei einem 10000-Meter-Lauf.
Doch
schon nach wenigen Kilometern, die Sandstrandpromenade liegt hinter uns, werden
die Wege anspruchsvoller und somit wird das Tempo zwangsläufig heruntergebremst.
In einem Bogen rund um den nördlichsten Punkt der Insel, das Cap Corse,
führt die Strecke.
Sandige Trails mit imposanten
Ausblicken wechseln sich ab mit unwegsamen Geröllpassagen. Allerhöchste
Konzentration ist erforderlich, nicht nur bei der heutigen 25-Kilometer-Etappe,
sondern auch bei allen folgenden. Den Kopf ausschalten und den Autopilot ein,
funktioniert nicht. Die Wege sind zu technisch und dadurch extrem schwer zu
laufen.
Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit bei einer der vielen Bergabpassagen hat für eine belgische Läuferin schlimme Folgen.
Mit
einer blutenden Platzwunde am Knie erreicht sie zwar noch das Tagesziel, wo
die Wunde auch gleich genäht wird, aber bei der folgenden 40-Kilometer-Etappe
ist dann etwa bei der Streckenhälfte endgültig Schluss. Zu groß
ist die enorme Belastung der Nahtstelle, die wieder aufzuplatzen droht.
Das läuferische Highlight der zweiten Etappe liegt in der Durchquerung eines geschätzten fünfzehn Meter breiten Flusses. Im brusthohen Wasser kämpfen wir uns hinüber ans andere Ufer.
Dann
liegen etwa 33 Kilometer, zum Teil durch die typische korsische Macchia (undurchdringlicher
Gestrüppwald), vor uns. Mit entsprechend zerkratzten Beinen erreichen wir
bei sommerlichen Temperaturen das Etappenziel.
Zum
ersten und auch zum einzigen Mal erfolgt der Start nicht auf Meereshöhe.
Bei der heutigen großen Bergetappe zur "Galeria" erreichen wir
mit 776 Meter den höchsten Punkt unserer Tour. Es ist eigentlich ganz einfach:
Einmal rauf und einmal runter. Aber! Bevor der große "Hügel"
genommen werden muss, sind erst einmal gute 400 Höhenmeter innerhalb zwei
Kilometer auf felsigemPfad hinabzulaufen, beziehungsweise hinabzusteigen.
Auf Meeresniveau spuckt uns der dichte Buschwald am weißen Uferstrand aus. Dann geht's wirklich zur Sache.
Zum Teil kletternd erreichen wir den Scheitelpunkt "Col de la Croix - Galeria". Sehr treffend die Bezeichnung der dritten Etappe.
Immer wieder gibt es Gelegenheiten zum Verweilen, wo man diese Momente einfrieren und mitnehmen möchte. Unter uns liegt das Meer in seiner ganzen Weite. Rund eintausend Höhenmeter im Anstieg sind auf der 18 Kilometer langen Etappe zu meistern.
Die letzten sechs Kilometer führen wieder auf halsbrecherischen Wegen steil hinunter zum Ziel.
Jeder Tritt
muss hundertprozentig sitzen, sonst sind Stürze vorprogrammiert.
Der vierte Tag: Wir stehen jetzt startklar am Pointe de la Parate, wenige Kilometer westlich von Ajaccio (23 000 Einwohner), der Geburtsstadt Napoléons. Wenn wir diese Etappe hinter uns gebracht haben, folgt ein Ruhetag. Doch Vorsicht! Diese 22 Kilometer haben es auch in sich. Zudem war es wieder sehr heiß, die Temperaturen lagen bei 31° Celsius. Das Höhenprofil fordert uns wieder heraus. Knapp 900 Meter im Anstieg sind nicht zu unterschätzen.
Wo ein Berg ist, kommt auch ein Tal. Genau soviel Höhenmeter ging es auch wieder hinab.
Vorbei an fantastische Steinskulpturen und dem Eintauchen in die Macchia
mit herrlichen Blicken auf die Küste
(zwischendurch ein kräftiger Schluck)
endet die Etappe in Ajaccio,
auf dem berühmten Place d´ Austerlitz am Denkmal Napoléons.
Der
Ruhetag tut gut (Sightseeing Ajaccio) . So können wir uns auch mental auf
die wohl härteste aller Etappen vorbereiten. Bei der Tour de France nennt
sich das Königsetappe, beim Corsica Coast Race sind es die 61,4 Kilometer
am vorletzten Tag. Keiner weiß, wie er die längste Distanz durchsteht
und ob vor Einbruch der Dunkelheit das Ziel erreicht wird. Aber eines ist sicher:
Wer sein Pulver schon bei den ersten vier Etappen verschossen hat, stellte sich
quasi einen Blankoscheck für 61 Kilometer Leiden aus. Aus Gründen
der eigenen Sicherheit muss jeder Teilnehmer Roadbook, Taschenlampe und Handy
mitführen.
Obwohl
das Gelände zum Teil recht borstig ist, lässt sich die 5. Etappe wider
erwarten und trotz der 1400 Höhenmeter doch recht flüssig laufen.
Auch heute zeigt sich das Wetter wieder von seiner besten Seite und es war sehr
kurzweilig. Fürs Auge bieten sich immer wieder neue Landschaften: einsame
Buchten, bizarre Felsauswaschungen, grandiose Bergkulissen. Aus
sportlicher Sicht ist es das Trail-Laufen schlechthin: Sandpassagen, Felskletterei,
Geröllwege, Flussdurchquerungen. Nur die letzten sieben Kilometer sind
Erholung für die Beine. Auf einer Asphaltstraße geht es zum Ziel,
direkt bei unserem Hotel.
Die letzte Etappe (12 Kilometer) ist mehr oder weniger gemeinsames "Auslaufen". Es bilden sich mehrere Gruppen.
Nach einer von viel Atmosphäre geprägten Runde laufen wir stolz auf den letzten Metern entlang der Steilküste zurück nach Bonifacio. In so manchem Gesicht laufen dann auch die Freudentränen beim Zieleinlauf am Hafenbecken.

Es erübrigt sich eigentlich
über Zeiten und Platzierungen zu reden. Dennoch der Vollständigkeit
halber kurz die Ergebnisse aus Sicht der sieben deutschen Teilnehmer: Sieger
wurde der Franzose Cedric Chavet (16:35.33 Stunden). Beste von sieben Frauen
wurde Julia Boettger (20:13.03 Std.) aus Bad Tölz. 10. Michael Kraus (2.
Platz AK / 22:28.30 Std.), 16. Jörg Finkbeiner (4. Pl. AK / 25:49.44 Std.),
18. Ottman Giez und Michael Fries (5. Pl. AK / 26:08.03 Std.), 29. Michael (4.
Pl. AK / 29:04.38 Std.) und Anna Lange (1. Pl. AK / 29:04.38 Std.).
Auch die Walker hatten sich tapfer geschlagen. Die längste Etappe betrug
stolze 25 Kilometer und auch die schwere Bergetappe musste komplett bewältigt
werden. Hier wurde auch kein zu großer Wert auf Zeiten und Platzierungen
gelegt. Die meisten Etappenabschnitte wurden gemeinsam bewältigt.
Für
Renndirektor Marc Lanfranchi ist der Lauf eine Herzensangelegenheit. Er und
sein Team hatten alle Hände voll zu tun, um einen möglichst reibungslosen
Ablauf zu gewähren. Mit dem Bus wurden wir von den verschiedenen Hotels
zu den Startorten gebracht und auch wieder zurück. Teilweise mussten auch
lange Busfahrten von bis zu vier Stunden in Kauf genommen werden.
Wer exotische Landschaftsläufe
liebt, Geschicklichkeit auf unwegsamen Wegen beweist und eine große Portion
Ausdauer besitzt, wird beim Corsica Coast Race viel Spaß haben.
Ach ja, wir waren mal wieder kurz weg und haben einen wunderbaren südeuropäischen Herbst genossen...
Korsika-Impressionen
Hier gibt's weitere Bilder (KLICK)